
Kapitel 1: Der Duft von verbranntem Kaffee
Das Erste, was Neele an diesem Morgen ins Bewusstsein zurückholte, war das vertraute, rhythmische Kratzen von Acrylfarbe auf Leinwand – kratz, kratz, eine kurze Pause, dann wieder kratz –, das sich durch den dichten Nebel ihres Tiefschlafs bohrte wie ein Finger, der sanft an eine Tür klopft, die man eigentlich noch geschlossen halten wollte. Sie blieb einen Moment liegen, die Augen noch geschlossen, und lauschte dem Rhythmus, bevor ihr Verstand überhaupt registrierte, dass es einer war.
Das Zweite war der Geruch. Er kam in zwei Wellen, wie immer: zuerst die brenzlige, fast verbrannte Süße von Kaffeebohnen, die viel zu lange geröstet worden waren, dann, eine Sekunde später, der künstliche, blumige Nachhall von billigem Vanille-Parfüm – eine Mischung, die in jeder anderen Wohnung der Welt nach Katastrophe gerochen hätte, für Neeles Gehirn aber längst zu einem einzigen Wort zusammengeschmolzen war: zuhause.
Irgendwo unter der Bettdecke spürte sie ihre eigenen Zehen kalt werden – das Fenster stand wieder einen Spalt offen, Maurice ließ es immer offen, „damit die Farbe atmen kann”, behauptete er, obwohl Neele längst aufgehört hatte zu fragen, ob Farbe überhaupt atmete. Der norddeutsche Spätsommerwind schmeckte fast nach Salz, wenn man lange genug hier wohnte, um den Unterschied zwischen Glinder Luft und jeder anderen Luft zu kennen.
Neele schlug die Augen auf und blinzelte gegen das fahle Tageslicht, das träge durch das Leinenlaken vor ihrem Fenster sickerte und alles im Zimmer in ein müdes, milchiges Grau tauchte – außer den Farben. Die Farben in diesem Zimmer waren nie müde.
Ihr WG-Zimmer sah aus wie das Schlachtfeld einer kreativen Explosion, die sich nie wirklich entschieden hatte, aufzuhören. Überall stapelten sich Skizzenblöcke, deren Ecken sich einsam nach oben bogen wie Hände, die um Aufmerksamkeit baten; auf dem ramponierten Dielenboden bildeten eingetrocknete Kleckse aus Kobaltblau und Titanweiß eine ganz eigene Galaxie, die Neele insgeheim für hübscher hielt als die meisten ihrer fertigen Bilder. Ein Stapel Leinwände lehnte schief an der Wand wie betrunkene Gäste, die den Heimweg nicht mehr fanden. Mittendrin stand Maurice. Er trug nichts als eine ausgewaschene, graue Jogginghose und seine alte Lieblings-Regenjacke, deren Kapuze er sich aus reiner Gewohnheit tief in den Nacken geschoben hatte, obwohl drinnen kein einziger Tropfen Regen fiel. In der linken Hand hielt er eine hölzerne Farbpalette, die so beladen war mit getrockneter Farbe vergangener Tage, dass man die ursprüngliche Holzfarbe kaum noch erkannte. In der rechten hielt er einen breiten Borstenpinsel, mit dem er gerade, die Zungenspitze konzentriert zwischen den Zähnen, eine wilde, chaotische Welle auf Neeles jüngstes Ölgemälde setzte – ihr Abschlussprojekt, an dem sie die letzten drei Wochen gesessen hatte, jeden Abend bis tief in die Nacht, mit dem Gedanken an Tante Ina als stillem Publikum über ihrer Schulter.
„Maurice!”, krächzte Neele, ihre Stimme noch rau vom Schlaf und brüchig vor Entsetzen. Sie richtete sich auf, strich sich die wilden, lockigen Haare aus dem Gesicht, die ihr bis
über die Oberarme fielen und am Morgen stets aussahen, als hätte sie in einem Sturm geschlafen, wobei die schwere Daunendecke ein Meer aus zerknitterten Skizzenpapieren vom Bettrand fegte, die wie aufgeschreckte weiße Vögel zu Boden segelten. „Was zur Hölle machst du da? Das war mein Abschlussprojekt für das Semester!”
…
Zwischen Tinte und Sternenstaub

Es gibt Orte, die nur darauf warten, gefunden zu werden. Hinter einer unscheinbaren Tür, verborgen zwischen den Regalen eines alten Cafés, öffnet sich das Tor nach Libréa. Eine Welt, in der Geschichten lebendig werden, Bücher Erinnerungen bewahren und Magie in jeder Tasse Kaffee steckt. Gemeinsam mit Neele beginnt eine Reise voller Wunder, Mut, Freundschaft und Geheimnisse.
Kapitel 1: Der Duft von verbranntem Kaffee
Das Erste, was Neele an diesem Morgen ins Bewusstsein zurückholte, war das vertraute, rhythmische Kratzen von Acrylfarbe auf Leinwand – kratz, kratz, eine kurze Pause, dann wieder kratz –, das sich durch den dichten Nebel ihres Tiefschlafs bohrte wie ein Finger, der sanft an eine Tür klopft, die man eigentlich noch geschlossen halten wollte. Sie blieb einen Moment liegen, die Augen noch geschlossen, und lauschte dem Rhythmus, bevor ihr Verstand überhaupt registrierte, dass es einer war.
Das Zweite war der Geruch. Er kam in zwei Wellen, wie immer: zuerst die brenzlige, fast verbrannte Süße von Kaffeebohnen, die viel zu lange geröstet worden waren, dann, eine Sekunde später, der künstliche, blumige Nachhall von billigem Vanille-Parfüm – eine Mischung, die in jeder anderen Wohnung der Welt nach Katastrophe gerochen hätte, für Neeles Gehirn aber längst zu einem einzigen Wort zusammengeschmolzen war: zuhause.
Irgendwo unter der Bettdecke spürte sie ihre eigenen Zehen kalt werden – das Fenster stand wieder einen Spalt offen, Maurice ließ es immer offen, „damit die Farbe atmen kann”, behauptete er, obwohl Neele längst aufgehört hatte zu fragen, ob Farbe überhaupt atmete. Der norddeutsche Spätsommerwind schmeckte fast nach Salz, wenn man lange genug hier wohnte, um den Unterschied zwischen Glinder Luft und jeder anderen Luft zu kennen.
Neele schlug die Augen auf und blinzelte gegen das fahle Tageslicht, das träge durch das Leinenlaken vor ihrem Fenster sickerte und alles im Zimmer in ein müdes, milchiges Grau tauchte – außer den Farben. Die Farben in diesem Zimmer waren nie müde.
Ihr WG-Zimmer sah aus wie das Schlachtfeld einer kreativen Explosion, die sich nie wirklich entschieden hatte, aufzuhören. Überall stapelten sich Skizzenblöcke, deren Ecken sich einsam nach oben bogen wie Hände, die um Aufmerksamkeit baten; auf dem ramponierten Dielenboden bildeten eingetrocknete Kleckse aus Kobaltblau und Titanweiß eine ganz eigene Galaxie, die Neele insgeheim für hübscher hielt als die meisten ihrer fertigen Bilder. Ein Stapel Leinwände lehnte schief an der Wand wie betrunkene Gäste, die den Heimweg nicht mehr fanden. Mittendrin stand Maurice. Er trug nichts als eine ausgewaschene, graue Jogginghose und seine alte Lieblings-Regenjacke, deren Kapuze er sich aus reiner Gewohnheit tief in den Nacken geschoben hatte, obwohl drinnen kein einziger Tropfen Regen fiel. In der linken Hand hielt er eine hölzerne Farbpalette, die so beladen war mit getrockneter Farbe vergangener Tage, dass man die ursprüngliche Holzfarbe kaum noch erkannte. In der rechten hielt er einen breiten Borstenpinsel, mit dem er gerade, die Zungenspitze konzentriert zwischen den Zähnen, eine wilde, chaotische Welle auf Neeles jüngstes Ölgemälde setzte – ihr Abschlussprojekt, an dem sie die letzten drei Wochen gesessen hatte, jeden Abend bis tief in die Nacht, mit dem Gedanken an Tante Ina als stillem Publikum über ihrer Schulter.
„Maurice!”, krächzte Neele, ihre Stimme noch rau vom Schlaf und brüchig vor Entsetzen. Sie richtete sich auf, strich sich die wilden, lockigen Haare aus dem Gesicht, die ihr bis
über die Oberarme fielen und am Morgen stets aussahen, als hätte sie in einem Sturm geschlafen, wobei die schwere Daunendecke ein Meer aus zerknitterten Skizzenpapieren vom Bettrand fegte, die wie aufgeschreckte weiße Vögel zu Boden segelten. „Was zur Hölle machst du da? Das war mein Abschlussprojekt für das Semester!”
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